Hallenumgangschöre - Bürger für Denkmale

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Hallenumgangschöre in Brandenburg | E. Badstübner

Ernst Badstübner/Dirk Schumann (Hrsg.): Hallenumgangschöre in Brandenburg
Lukas Verlag, Berlin 2000 (Studien zur Backsteinarchitektur, Band 1)
ISBN 978-3-931836-06-1, 36 €
In die norddeutsche Backsteinarchitektur hat mit den Hallenumgangschören um 1350 ein neuer Bautyp Einzug gehalten. Diesem Thema widmet sich die von Ernst Badstübner und Dirk Schumann herausgegebene Sammlung von zum Teil monographischen Aufsätzen sowie entwicklungsgeschichtlichen Überblicken, die insgesamt baugeschichtliche Entwicklung, Datierung, Herkunft und Abhängigkeit (von St. Sebald in Nürnberg?) der jetzt entstandenen Umgangschöre in Rathenow, Frankfurt/Oder, Brandenburg, Berlin (St. Nikolai), Beeskow, Fürstenberg und Lieberose untersuchen. Die Herausgeber selber geben eine knappe Zusammenfassung der mit dem Band vorgelegten Ergebnisse, gleichzeitig betonend, dass weiter geforscht werden müsse. Eine Sonderstellung unter den Beiträgen nimmt die Arbeit von Wiltrud Barth über die Nikolaikirche in Spandau ein, denn ihr ist der Nachweis gelungen, dass die aus Dendrochronolgie (d. h. Auswertung der Jahresringe des Dachstuhls) und aus Thermoluminiszenz (d. h. der naturwissenschaftlichen Altersbestimmung der Backsteine) gewonnenen absoluten Jahreszahlen eine entscheidende Grundlage für die Baugeschichte dieser Epoche im brandenburgisch-norddeutschen Raum sind. Das Langhaus von St. Nikolai war unbezweifelbar 1368-1369 unter Dach gebracht worden, und damit ist die bis dahin geltende Datierung außer Kraft gesetzt. Mithin erhält St. Nikolai als absolutchronologische Messlatte eine zentrale Bedeutung in der Bewertung der Backstein-Hallenchöre. Mit dem tradierten, baugeschichtlich-methodischen Ansatz liefert andererseits Christian Nülken zur Marienkirche in Frankfurt/ Oder einen methodisch vergleichbaren, die weiteren Forschungen sicherlich ebenso bestimmenden Ansatz, wobei er einen plausiblen zeitgeschichtlichen Rahmen für die Entstehung des Chores von St. Marien zugrunde legt. Der Beitrag von Wiltrud Barth lädt indessen, wie die Autorin selber bemerkt, zu weiteren Forschungen ein, die möglicherweise Spandaus „besonderen Weg“ vertiefen.

Also wie weiter?

Spandau lebt im 14. und 15. Jahrhundert als eine sogenannte „kleine“ Stadt in der Zuordnung zu seiner „Hauptstadt“ Brandenburg, mit den Städten seines engeren und weiteren Umlandes trotz der Landesherrschaften in unterschiedlichen Bündnissen verbunden. Seinem Status entsprechend besaß Spandau zwar „Bauknechte“, aber augenscheinlich keinen eigenen Stadtbaumeister, sondern verpflichtete bei größeren „öffentlichen“ Vorhaben auswärtige Baumeister – wie beim Bau des Rathauses 1434 den Meister Riken aus Berlin oder für den Turm von St. Nikolai im späten 15. Jahrhundert den Meister Paul Rostock aus Magdeburg. Unter solchen Voraussetzungen, der Kenntnis gerade im Bau befindlicher Chöre oder dessen Vorbereitung in den beachbarten Städten und der Verdingung eines auswärtigen Meisters, wird auch der Bau von St. Nikolai um und nach 1350 vonstatten gegangen sein. Der beginnende oder erst vorbereitete Neubau wurde augenscheinlich 1352 durch die beiden religiösen Bruderschaften in Spandau begleitet – durch den Kaland und durch die St. Annenbruderschaft, die Ältäre stifteten oder wieder zu errichten bekundeten. Ansatz zu weiterführenden Untersuchungen wäre die von Wiltrud Barth zweifelsfrei festgestellte Unstimmigkeit im Gefüge des Dachstuhls über dem Chorpolygon, die nicht unbedingt nur auf nachträgliche Reparaturen zurückgeführt werden muss und die ebenso Aufschluss über die Entstehung des Chormauerwerkes vor Ausführung des Langhauses geben könnte. Unabhängig von der Frage nach der absoluten Datierung des Spandauer Umgangschores würde sich aufdrängen, dessen formaler Gestaltung aus der räumlichen Spannweite zwischen Rathenow im Westen und Frankfurt/ Oder im Osten nachzugehen. Selbst Magdeburg wäre nicht auszuschließen, denn nicht nur der Baumeister des Turmes wurde von dort verpflichtet, sonder auch das Patrozinium der kleinen Spandauer Moritzkirche verweist auf den Heiligen Mauritius, den Patron des Magdeburger Domes, und die wundertätige Magdeburger Madonna des späten 13. Jahrhunderts wurde als Kopie in Spandau in der Klosterkirche, wenn nicht sogar in St. Nikolai verehrt.

Prof. Helmut Engel

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