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Wiederherstellen oder vollends vernichten? | Katharina Steudtner

Katharina Steudtner: „Wiederherstellen oder vollends vernichten?“ Theoriebildung und denkmalpflegerische Praxis beim Wiederaufbau von Schloss Charlottenburg
Gebr. Mann Verlag, Berlin 2016
(Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, hrsg. v. Landesdenkmalamt Berlin, Beih. 37)
ISBN 978-3-7861-2734-5, 69 €
Der Titel lässt eine umfassende Darstellung des Umgangs mit der Schlossruine vom Senatsbeschluss zum Wiederaufbau bis zur Deckenausmalung im Neuen Flügel vermuten, doch entpuppt sich der auf öffentliche Wirkung zielende Titel als die Übernahme aus dem Beitrag von Martin Sperlich zur Festschrift für Margarete  Kühn. Katharina Steudtner geht indessen nicht von einer Gesamtbetrachtung des Wiederaufbaus aus, selbst wenn auch bestimmte Bereiche des Schlosses kursorisch betrachtet werden, sondern sie konzentriert sich auf die Wiederherstellung der Schlosskapelle, die – ausgebrannt bis auf die Umfassungswände mit nur noch Resten der Dekorationselemente – ein Paradebeispiel für die denkmalpflegerischen Vorgehensweisen konservieren, restaurieren, kopieren, rekonstruieren, angleichen abgibt. Als die Wiederherstellung der Schlosskapelle 1960 begann, war längst nicht mehr die Rede von „vollends vernichten“, denn schon am 29. Oktober 1947 hatte der Magistrat von Groß-Berlin beschlossen, die erhalten gebliebenen Innenräume mit der Eichengalerie als Mittelpunkt zum zentralen Standort für das Berliner Kulturleben zu entwickeln. Die Schlossruine unterlag zu diesem Zeitpunkt immer noch der „Property Control“ der britischen Militärregierung.

Auch die Schlosskapelle hatte die „Schlösser-Direktorin“ Margarete Kühn knapp und präzise in dem von ihr verfassten Inventar von Schloss Charlottenburg im Rahmen der Inventar-Reihe „Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin“ beschrieben und bebildert, ohne auf die Umstände der Wiederherstellung einzugehen. Die von ihr im umfangreichen Abbildungsband beigefügten beiden Fotos der Ruine kennzeichnen gewissermaßen den Ausgangspunkt für die jetzt vorgelegte Arbeit von Katharina Steudtner. Die Verfasserin vermerkt bereits zu Beginn, dass die Wiederherstellung der Kapelle nur möglich wurde, weil ein größerer Bestand an Dokumentationsfotos zum Innenraum der Kapelle aus der Zeit vor 1945 zur Verfügung stand - und ferner: „Aufgrund der mageren Überlieferung von in situ erhaltenen Objekten stellen Fragmente eine Primärquelle von großer Wichtigkeit dar, (…).“ Die Wiederherstellung der Kapelle stellt die Verfasserin in den einzelnen Arbeitsschritten bis zur „Rekonstruktion der bauzeitlichen Deckengestaltung“ ausführlich dar. Für die auszuführende Malerei verwendet die Verfasserin die Kennzeichnung „Nachschöpfung der Malerei“.

Abschließend fasst Katharina Steudtner den Wideraufbau des Schlosses in vier Phasen zusammen, von denen die beiden ersten durch Margarete Kühn geprägt wurden. „Kühn – so deren Charakterisierung – gehörte zu den konservativen Vertretern innerhalb der kunstwissenschaftlichen und denkmalpflegerischen Debatte im Deutschland der Nachkriegszeit. (…) Nach 1945 wies sie das Dehio zugeschriebene polarisierende Postulat „Konservieren, nicht restaurieren“ im Angesicht der Kriegszerstörungen von sich und stützte sich auf ihre Interpretation von Viollet-le-Duc.“ Man stelle sich in der Tat mit den beiden Zerstörungsphotos der Kapelle vor Augen vor, welchen Erkenntnis- und Erlebniswert eine solche konsequent durchgeführte reine, weil ausschließliche Konservierung der nach der Zerstörung übrig gebliebenen kümmerlichen Reste ausüben würde – ein absolutes Abstraktum ohne jede sinnliche Erfahrbarkeit sowie von jeglichem Bezug zur Geschichte. Unter dem Nachfolger Margarete Kühns habe sich fast zwangsläufig das denkmaltheoretische Grundgerüst in der weiter andauernden Wiederaufbautätigkeit geändert. Die Haltung Margarete Kühns bildet besonders heute Anlass zur Überprüfung einer starr gehandhabten denkmalpflegerischen Theorie. Es müsste eigentlich zugestanden werden, dass Rekonstruktionen unter gewissen Bedingungen zulässig sind.

Der denkmalpflegerische Stellenwert der nach jahrelanger Bauzeit wieder hergestellten Schlosskapelle verlangt eigentlich - auch um die Leistung Margarete Kühns übergreifend zu verstehen - eine Einordnung in die Geschichte der zeitgleichen Restaurierungen während der (West-)Berliner Nachkriegszeit. Von Stadtbaurat Scharoun bereits unmittelbar nach Kriegsende berufen, wurde der vom Bauhaus herkommende Hinnerk Scheper auch nach der Teilung der Stadt als Landeskonservator für die Denkmalpflege zuständig. Margarete Kühn war seine Referentin, die als ehemalige Mitarbeiterin der Preußischen Schlösserverwaltung kommissarisch auch für die in den westlichen Sektoren liegenden Schlösser zuständig war. Unter der fachlichen Leitung des Landeskonservators wurden in den frühen fünfziger Jahren die von Schinkel gebauten Vorstadtkirchen sowie die Charlottenburger Luisenkirche, die wie die Schlosskapelle alle nur als ausgebrannte Ruinen den Krieg überstanden hatten, wieder hergestellt, nachdem mit erheblicher Mühe der Abbruch beispielsweise der Luisenkirche abgewendet werden konnte. Restauriert wurde das äußere Erscheinungsbild, der Innenraum wurde mit Assoziationen an den ursprünglichen Zustand modern gestaltet – so die Kirchen in Moabit oder Gesundbrunnen sowie die Luisenkirche. Damit setzt sich im Vergleich mit den Scheper-Restaurierungen die konsequent konservative Denkmalpflege Margarete Kühns erkennbar wie selbstverständlich ab.

Mit den Schinkel-Kirchen und der Schlosskapelle stehen sich nahezu zeitgleich zwei unterschiedliche Auffassungen über den Umgang mit ausgebrannten Baudenkmälern gegenüber. Das Verdienst der Dokumentation von Katharina Steudtner besteht deshalb darin, dass sie diese konservative Linie der Denkmalpflege in die Erinnerung gerufen hat. Eine Erläuterung des Theoriegebäudes Viollet-le-Ducs wäre in diesem Zusammenhang wünschenswert gewesen.

Prof. Helmut Engel

Copyright @ Stiftrung Denkmalschutz Berlin 2016
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