"Mäusebunker" - Bürger für Denkmale

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"Mäusebunker" Tierversuchslabor, FU-Berlin

Mäusebunker (Foto: Gunnar Klack)
Hindenburgdamm 26, 12203 Berlin

Im Stadtteil Steglitz-Lichterfelde spielt sich gerade ein für die Denkmalpflege geradezu klassisches Drama ab. Das Gebäude der Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin der Charité, genannt "Mäusebunker", wird nur noch wenig genutzt und verursacht hohe Betriebskosten. Der Bau steht nicht unter Denkmalschutz und die Eigentümer liebäugeln mit dem Abriss, sie würden das Grundstück gerne neu bebauen. Doch in Fachwelt und Öffentlichkeit wächst Interesse für den Erhalt des Gebäudes, denn es handelt sich um ein wahrlich einzigartiges Artefakt. Wie wird sich diese Situation entwickeln? Kann eine bürgerschaftliche Initiative erfolgreich für den Erhalt werben? Wird die zuständige Behörde in letzter Minute einspringen und das Gebäude schützen? Gäbe es überhaupt eine rechtliche Grundlage, um die Neubaupläne für das Grundstück zu ändern? Wandelt sich die öffentliche Wahrnehmung gar so schnell, dass uns allen in kürzester Zeit ein Abriss töricht erscheint? Oder wird sich wieder einmal eine allgemeine Wertschätzung eines Gebäudes erst dann einstellen, wenn der Verlust bereits eingetreten ist?

Angesichts der vielen schönen Denkmale, die das Herz erfreuen, lässt sich leicht vergessen, dass das Bewahren von Kulturgut auch den Schutz der unbeliebten, problematischen, unrentablen und hässlichen Gebäude bedeutet. Bevor wir also darüber nachdenken, wie schnell sich bestimmte ästhetische Wertungen verschieben können, oder wie diffus die Kategorien "schön" und "hässlich" im Denkmalpflegediskurs verhandelt werden, soll zunächst an einen eigentlich selbstverständlichen Grundsatz erinnert werden: Aufgabe der Denkmalpflege ist der Erhalt von Kulturgut, ausgehend von dessen Bedeutsamkeit; unabhängig davon, wie beliebt oder profitabel die jeweiligen Artefakte zum Zeitpunkt der Unterschutzstellung sind. Vor einer näheren Betrachtung des "Mäusebunkers" soll dies festgehalten werden: Der potenzielle Denkmalwert dieses Gebäudes ist unabhängig davon, wie beliebt es ist und wie lukrativ es sich für den Eigentümer nachnutzen lässt. Grundvoraussetzung für einen klugen Umgang mit der historischen Bausubstanz ist das Wissen über das Gebäude – ungeachtet dessen ob man es nun erhalten möchte oder nicht.

Der "Mäusebunker" – eigentlich die Zentralen Tierlaboratorien der Freien Universität, seit 2003 die Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin – befindet sich gut versteckt hinter einer Wohnhauszeile, nur sichtbar aus einer kleinen Seitenstraße des Hindenburgdamms und vom Uferweg des Teltowkanals. Den denkbar unheimlichsten Bau der Nachkriegsmoderne hat der Berliner Architekt Gerd Hänska (1927–1996) geplant. Ebenso unheimlich wie die bedrohliche Erscheinung des Gebäudes ist dessen Nutzung: Der Mäusebunker wurde von der Freien Universität errichtet, um darin wissenschaftliche Experimente mit lebenden Tieren anzustellen und die dafür benötigten Versuchstiere gleich vor Ort zu züchten. Aus Sicherheitsgründen liegen die Tierversuchs-Labore tief im Gebäude, deren Belüftung erfolgt mit kanonenartigen Luftansaugrohren. Die Arbeit am Entwurf begann nach einjährigen Vorarbeiten 1967, die Ausführung erfolgte – mit Unterbrechungen – in den Jahren 1971–1981.

Zwischen 1975–1978 war der Baufortgang der Zentralen Tierlaboratorien wegen zu hoher Kosten gestoppt worden, sogar ein Abriss der bereits errichteten Teile wurde in Erwägung gezogen. In den 1990er-Jahren wurde erneut ein Abriss diskutiert, und auch heute ist der Bau nicht davon verschont. Denn längst wurden Menge und Umfang der Tierversuche reduziert, sodass ein Gebäude vom Ausmaß des "Mäusebunkers" nicht mehr erforderlich scheint. Noch betreibt die Berliner Charité einen Teil der Anlage, hat jedoch bereits den Umzug der Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin in ein anderes Gebäude beschlossen. Das Grundstück an der Krahmerstraße soll neu bebaut werden. Denkmalschutz für den "Mäusebunker" besteht nicht, wäre jedoch leicht zu begründen: Erhaltenswert ist der Bau schon aufgrund seiner Einzigartigkeit; überdies ist der hochwertige Innenausbau mit massiven Stahltüren ebenso unverändert wie die Gebäudehülle. Der Beton der Fassadenplatten ist verwittert und dunkel, stellenweise wachsen Flechten darauf, doch keine Sanierungs- oder Umbaumaßnahmen haben den Originalzustand verändert.

Natürlich erinnert die größtenteils geschlossene Betonhülle an einen Bunker, wobei eigentlich eine noch viel größere Ähnlichkeit mit einem Kriegsschiff oder mit einem der Sternenzerstörer-Raumschiffe aus George Lucas’ "Star-Wars"-Universum besteht. Denn seitlich ragen blau gestrichene Lufteinlässe wie Kanonenrohre aus dem Rumpf, bekrönt wird das Dach von mehreren großen Schornsteinen, und am "Bug" zur Krahmerstraße hin erwecken zurückgesetzte Fensterreihen den Eindruck einer Kommandobrücke. Mit seinen nach oben einander zugeneigten Außenwänden wirkt der "Mäusebunker" wie ein Produkt der Stealth-Technologie – als besitze er die Radar-Tarnkappen-Eigenschaften des Kampfflugzeugs F-117 oder eines US-Navy-Zerstörers der Zumwalt-Klasse. Es ist unbestreitbar, dass sich der Mäusebunker von allen anderen Bauten in Berlin deutlich unterscheidet. Ein weiterer Spitzname des Gebäudes, "Panzerkreuzer Potemkin", verdankt sich der Ähnlichkeit mit schwer gepanzerten Kriegsschiffen der Jahrhundertwende. Schiffe wie die französische "Dupuy de Lôme" (1890) oder die "SMS Gneisenau" (1906) der deutschen kaiserlichen Marine besaßen typischerweise nach oben einander zugeneigte Schiffswände, zumindest im Bugbereich.

Gerd Hänska realisierte – teilweise in Zusammenarbeit mit seiner Frau Magdalena und später mit seinem Sohn Thomas Hänska – in Berlin eine Reihe von Gebäuden für Forschung und Lehre, unter anderem die Walt-Disney-Schule und die Nahariya-Schule, die Synchrotron-Teilchenbeschleuniger-Anlage BESSY sowie den heute denkmalgeschützten Ernst-Ruska-Bau für Elektronenmikroskopie des Fritz-Haber-Instituts. Als Teil der Planungsgruppe "Sanierungsgebiet Kreuzberg Süd" plante Hänska zusammen mit Klaus H. Ernst, Bodo Fleischer, Herbert Stranz und Hans Wolff-Grohmann großmaßstäblichen Wohnungsbau – und prägte so das Gebiet um das Kottbusser Tor. Hänska, ein gebürtiger Berliner, hat an der Technischen Universität studiert. Sein wichtigster Lehrer war Peter Poelzig, in dessen Architekturbüro Hänska auch nach dem Studium angestellt war. Es ist nicht übertrieben, Gerd Hänska als wichtigen Architekten der Berliner Nachkriegsmoderne zu bezeichnen.

Der 143 x 38m große Bau für die Zentralen Tierlaboratorien wurde erst 1978–1981 fertiggestellt und markiert als brutalistischer Nachzügler das Ende der Berliner Nachkriegsmoderne. Wie weit sich Hänskas geometrischer High-Tech-Brutalismus von der handwerklichen Bretterschalungs-Ästhetik früherer Betonbauwerke entfernt hat, wird besonders deutlich im Vergleich zu dem direkt gegenüber gelegenem Institut für Hygiene und Mikrobiologie (1966–1975), geplant von Hermann Fehling und Daniel Gogel. Anstatt die plastische Modellierbarkeit des Baumaterials in den Vordergrund zu stellen, überhöhten Hänska und sein Mitarbeiter Kurt Schmersow den technisch-industriellen Aspekt des Betonbaus. Sie entwarfen ein multiplizierbares Fertigteil für die Fassadenöffnungen: Tetraeder aus Beton ragen aus den Betonplatten heraus und ergeben so dreieckige Fenster. Im internationalen Kontext des Architektur-Trends der Pyramidenform betrachtet, war der Mäusebunker bei seiner Fertigstellung ein Spätzünder. Dabei entstand der Entwurf in einer Zeit, als die Pyramidenform gerade erst in Fahrt kam. Justus Dahindens – schon 1985 wieder abgerissenes – Einkaufszentrum Schwabylon wurde 1973 in München eröffnet, es war Deutschlands bekanntester Bau dieser Formensprache. Ebenfalls zu Beginn der 1970er-Jahre entstand im Research Triangle Park im US-Bundesstaat North Carolina das pyramidale Burroughs Wellcome Building, entworfen von Paul Rudolph. Zur selben Zeit wurden im westfälischen Marl die sogenannten Hügelhäuser errichtet. Der erste Entwurf von Hänska sah für die Tierlaboratorien eine tonnenartig gewölbte Gebäudeform vor. Um Fassaden- und Dachfläche zu minimieren, wählte Hänska diese Form wegen des günstigen Verhältnisses zwischen Oberfläche und umbautem Raum. Man ging jedoch schnell zu der konstruktiv einfacheren Variante einer eckigen Form über. Die gekippten Außenwände führten immerhin auch zu verkleinerter Dachfläche, was eine gewisse Kostenersparnis bedeutete. In Berlin existiert kein zweites Gebäude, bei dem der Hügel- oder Pyramidenhaus-Trend der 1970er- Jahre so konsequent realisiert wurde. Zudem ist der "Mäusebunker" ein beeindruckendes Beispiel für die Verwendung von Beton als Fassadenmaterial.

Mit dem benachbarten Institut für Hygiene und Mikrobiologie sowie dem Klinikum Steglitz stehen zwei ebenfalls betonsichtige Bauten der Nachkriegsmoderne in unmittelbarer Nähe. Damit entpuppt sich der Campus Benjamin Franklin der Charité beim genauem Hinsehen als eine Sammlung von drei herausragenden Beispielen für verschiedene Ausprägungen des Brutalismus: die ondulierten Betonelemente-Screens des Klinikums als Schnittmenge zwischen Brutalismus und dem nordamerikanischen New Formalism, der techno-industrielle "Mäusebunker" und das Institut für Hygiene und Mikrobiologie mit sorgfältig ausgeführten Bretterschalungs-Oberflächen. Dass der "Mäusebunker" eine direkte Sichtbeziehung zum Institut für Hygiene und Mikrobiologie besitzt, verstärkt die gegenseitige Wirkung dieser beiden Bauten.

Die unverhohlene Überhöhung der ästhetischen Qualitäten von Beton ruft Entsetzen bei Traditionalisten hervor, begeistert jedoch die Freunde der Nachkriegsmoderne, besonders die des Brutalismus. Der Schutz von klobigen Betonstrukturen aus den 1970er-Jahren scheint nach wie vor umstritten zu sein, wie die Reaktion auf die Unterschutzstellung von "Sozialpallast" und "Schöneberger Terrassen" gezeigt hat. Unbestreitbar ist jedoch, dass prinzipiell die Aufmerksamkeit – und Begeisterung – für Betonungetüme der 1970er-Jahre zunimmt. Seitdem leichtfertige Abrisse von brutalistischen Meisterwerken für mediale Wirbel gesorgt haben, wächst das Interesse für die oft verachteten Betonmonster. Das Besondere an dieser neu erwachten Liebe: die Auseinandersetzung mit Brutalismus beschäftigt nicht mehr nur Denkmalpfleger und Architekturhistoriker, sondern ist auch Thema von Kunst, Design, Popkultur und Social Media. Neben einschlägigen Tumblr- und Instagram-Accounts ist vor allem die Facebook-Gruppe der "Brutalism Appreciation Society" (Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus) zum wahren Internet-Phänomen geworden. Zahlreiche Fachbücher erschienen in den letzten Jahren, vorneweg in Großbritannien – wo brutalistische Wohngebäude wie Trellick Tower und das Barbican Center mittlerweile zu den besonders begehrten Wohnadressen zählen. Aktivisten riefen auf zum Erhalt von Brutalismus-Klassikern, manchmal erfolgreich – wie im Fall der Boston City Hall (USA) oder der Preston Bus Station (GB) – ; manchmal erfolglos – wie beim teilweise abgerissenen Orange County Government Center (USA) oder dem zum Abbruch freigegebenen Wohnkomplex Robin Hood Gardens in London (GB). Die Ausstellung #SOSBrutalismus (2017/18) des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main präsentierte den Mäusebunker sogar als eines der besten Beispiele der klobigen Sichtbetonarchitektur überhaupt.

Ein zum "Mäusebunker" gehöriges Gebäude ist bereits abgebrochen worden. Bis vor wenigen Jahren stand an der südlich parallel zur Krahmerstraße verlaufenden Bäkestraße noch eine Hütte, der sogenannte "Kleine Mäusebunker". Mit dieser Kleinstarchitektur hatte man die Fertigteil-Elemente für das Hauptgebäude erprobt. Zwei gegenüberliegende Außenwände der Hütte waren wie beim großen "Mäusebunker" einander zugeneigt und mit den charakteristischen dreieckigen Fenstergauben bestückt. Wie der (drohende) Verlust von Gebäuden dessen Wahrnehmung verändert, dürfte gerade in Berlin bekannt sein. Der Abriss der Großgaststätte "Ahornblatt" bedeutete einerseits den Verlust eines Hauptwerks von Ulrich Müther, andererseits bescherte der Abbruch paradoxerweise dem Ingenieur Müther langanhaltende Aufmerksamkeit und internationale Wertschätzung. War der Protest gegen den Abriss des "Ahornblatts" noch auf eine kleine Fachöffentlichkeit beschränkt, so nahm die Trauer um den "Palast der Republik" durchaus andere Ausmaße an. In der bereits für den Abriss vorbereiteten Ruine fanden viele Veranstaltungen statt, die einem begeisterten Publikum die räumlichen Qualitäten des Gebäudes eindrucksvoll vor Augen führten.

Der "kleine Mäusebunker" musste einer Neubebauung an der Bäkestraße weichen. Und eine Neubebauung stellt auch die größte Gefahr für den eigentlichen "Mäusebunker" dar. Das Grundstück an der Krahmerstraße ließe sich profitabler bebauen als es die derzeitige Nutzung erlaubt. Aus Sicht der Eigentümer spricht die vorhandene, sehr nutzungsspezifische Gebäudestruktur gegen eine Nachnutzung. Tierlabore, die absichtlich ohne Kontakt zur Umwelt tief im Inneren des Gebäudes verborgen wurden, lassen sich weder in Luxus-Lofts umwandeln noch in Co-Working-Spaces. Doch ist den Eigentümern damit geholfen, wenn ihnen ein mangelndes Gespür für Kulturerbe bescheinigt wird? Die Chance für den Erhalt des Mäusebunkers könnte vielmehr im Aufzeigen von Perspektiven liegen. Perspektiven, wie eine zukünftige Nutzung aussehen könnte, aber auch Perspektiven, wie sich eine zukünftige Wahrnehmung des Gebäudes entwickeln könnte. Auch dem "Tränenpalast" an der Friedrichstraße drohte zeitweise der Abriss, weil lange keine Nutzung vorstellbar schien und die Grundstückseigentümer einen Neubau an dessen Stelle planten.

Der Baugeschichte mangelt es nicht an Beispielen, wie sich die Perspektive auf eine Nutzung die Haltung der Gebäudeeigentümer verändern kann. Die physischen Eigenheiten des "Mäusebunkers" bergen schließlich auch Potenziale. Die schwere Betonkonstruktion erlaubt konstante Temperaturen, die technische Infrastruktur eine gute Belüftung. Könnte der Mäusebunker ein geeigneter Ort für ein Archiv sein, ein Rechenzentrum oder eine Serverfarm? Der Campus Benjamin Franklin ist schließlich Teil der Freien Universität, und als solcher Bestandteil einer Kulturinstitution. Es sollte der Charité und der Freien Universität Berlin ein Anliegen sein, verantwortungsvoll mit Kulturgütern umzugehen. Immerhin haben beide Institutionen den Auftrag, im öffentlichen Interesse zu handeln. Andererseits: Auf die kulturelle Bedeutung des "Mäusebunkers" zu pochen, ohne dabei die finanzielle Belastung der Eigentümer zu berücksichtigen, wäre genauso kurzsichtig wie der unbedarfte Abriss. Die größte Chance für eine Rettung liegt in einem Kompromiss zwischen Rentabilität und Kulturerhalt. Leider zeichnen sich echte Kompromisse immer genau dadurch aus, dass alle Beteiligten ein bisschen unzufrieden sind. Dennoch: Zwischen dem Unmöglichen und dem Unvermeidlichen besteht Kontingenz und somit auch ein gewisser Verhandlungsspielraum für den Erhalt des "Mäusebunkers".

Dr.-Ing. Gunnar Klack (Architekt)



Mäusebunker (Foto: Gunnar Klack)

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