Nationale Bautradition - Bürger für Denkmale

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Die nationale Bautradition denken | A. Karrasch

Alexander Karrasch: Die „Nationale Bautradition“ denken, Architekturideologie und Sozialistischer Realismus in der DDR der fünfziger Jahre
Gebr. Mann Verlag, Berlin 2015
ISBN 978-3-7861-2718-5, 59 €
Die westliche Häme, mit der in der Nachkriegszeit der „Zuckerbäckerstil“ der Stalinallee überschüttet wurde, ist selbst bei denen, die sich in der DDR hinter der vorgehaltenen Hand über die KuLiNaTra (Kurt Liebknechts Nationale Tradition) lustig machten, längst einer ästhetischen Anerkennung gewichen, mit der indessen in der Regel nur das äußere Erscheinungsbild und weniger der ideologisch tragende Grund getroffen wurde. Die formalgestalterische, gewissermaßen „äußere“ Geschichte dieser Architektur ist am Beispiel der Stalinallee nach 1990 mit zum Teil umfangreichen Publikationen dargestellt worden, obgleich die Fachzeitschriften und Publikationen der Bauakademie sowie die Reden auf den Parteitagen der SED und die Veröffentlichungen der Parteiideologen immer zugänglich waren. Dazu lese man die „Einführung“ der von der Deutschen Bauakademie 1953 herausgegebenen „Deutsche Baukunst in zehn Jahrhunderten“. Die jetzt in Buchform erschienene Dissertation von Alexander Karrasch schließt somit die Lücke zwischen Gestalt und Bedeutung und belegt, dass Architektur kein ausschließlich formalgestalterisches Phänomen ist, sondern vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte und ihrer ideologischen Antriebskräfte verstanden werden muß – bis hin zur einfachen Erklärung Ulbrichts, dass es auch um eine Architektur zu gehen habe, die das Volk versteht. Die mit dem Beschluss des ZK der KpdSU vom 23. April 1932 eingeleitete Entwicklung zum „sozialistischen Realismus“ fächerte sich nach der Übernahme in die Baupolitik der DDR in ein Spektrum von (durch den Verfasser gut belegten) Einzelthemen auf, die alle unter dem Verdikt des „historischen Materialismus“ zusammengebunden wurden. Dazu zählten – wie die Gliederung des Buches deutlich macht – die „Genese der Nationalen Bautradition“, die auch auf Auseinandersetzung mit dem westlichen Klassenfeind angelegte Konfrontation zwischen „Formalismus“ und „Realismus“ sowie die Diskussion über „das Erbe“ als „Historisch-korrekte Darstellung der Wirklichkeit“ mit der Würdigung des Klassizismus „als historische(m) Vehikel für die Architektur“. Die Untersuchung schließt „die Bauwende 1954“ als Abkehr von den Grundsätzen der stalinistischen Doktrin und als Endpunkt der Entwicklung mit ein. Das Buch sollten auch diejenigen zur Hand nehmen, die die aktuelle Auseinandersetzung zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses umtreibt, denn die Frage nach der Bedeutung eines Andreas Schlüter für die nationale Bautradition hat auch – wenn auch auf verlorenem Posten – einen Teil der DDR-Bürger umgetrieben. Die Wiederaufbauziele und die Forderungen nach Erhaltung der historischen Bausubstanz sind voneinander wenig entfernt.

Was tun?

Eigentlich fordert die Untersuchung von Alexander Karrasch dazu auf, über die monographische Betrachtung dieser nur wenige Jahre dauernden Kulturepoche hinaus den Spannungsbogen von dem mit der liberalistischen Gründerzeit nach 1860 eintretenden Konflikt zwischen den bedingungslos „Modernen“ und den auf Bewahrung des historischen Erbes bedachten „Konservativen“ über die Weimarer Republik (Martin Wagner: „Das Alte macht schwach, lähmt und tötet“) bis in die Nachkriegszeit nach 1945 reichend zu verlängern. Die nach 1945 ausbrechende Auseinandersetzung im Berliner Magistrat über das Schicksal der im öffentlichen Straßenraum stehenden Denkmäler – man denke beispielsweise an das Denkmal Friedrichs II. Vor dem Palais Wilhelms I. Unter den Linden – gehört in einen solchen Zusammenhang, nicht zuletzt Jahrzehnte später auch die hitzige, nun bereits Jahre zurückliegende, aber immer noch nachwirkende Auseinandersetzung über den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses oder die Vergrößerung der Pietà von Käthe Kollwitz in der Neuen Wache. Dabei stünde im Vordergrund der Debatte, ob man allein ideologische Überzeugungen zur Grundlage für Entscheidungen machen darf oder ob nicht die historische „Wahrheit“ des wenn auch streitigen Nebeneinanders zwischen „Gestalten“ und „Bewahren“ und damit eine kulturgeschichtliche Tradition zur Grundlage machen darf. „Die ‚Nationale Bautradition‘‘ denken“ von Karrasch könnte ein guter Anstoß sein.

Prof. Helmut Engel

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